Wenn der Roman zickt
Geschichten begleiten mich, solange ich denken kann. Lange bevor ich an Romane dachte, bekamen meine Liebsten von mir Märchen zum Geburtstag, manchmal sogar ein Gedicht, also Geschenke, die man schlecht umtauschen kann. Wenn ich heute bei einem Buchprojekt feststecke oder mir einrede, dass alles davon der größte Mist ist, schreibe ich eine Kurzgeschichte. Nur drei oder vier Seiten, dafür ein fertiges Werk, das mir den Glauben an mich zurückgibt. Ich liebe das Schreiben. Diese kleinen Geschichten erinnern mich jedes Mal daran, warum.
Ein paar davon stecken gerade in laufenden Schreibwettbewerben, deshalb bleiben sie bis zum Jahresende unter Verschluss. Eine kurze Zusammenfassung habe ich dir trotzdem mitgebracht. Die vollständigen Texte folgen, sobald ich darf.
Übrigens mein Tipp, falls du selbst übst: Such dir einen Wettbewerb und ein passendes Thema, dann schreib drauflos. Abschicken musst du nicht. Ein fertiges Werk in der Hand fühlt sich trotzdem verdammt gut an.
In einer Nacht, in der die halbe Stadt zum Feuer am Ufer starrt, hetzen zwei Schwestern mit einer goldenen Beute die Böschung hinab. Ihr Plan ist gerissen, ihr Vertrauen zueinander bröckelt deutlich. Was an diesem Tag geschieht, an dem niemand hinsieht, trägt das Wasser noch vierzig Jahre mit sich.
Pssst … (Drama)
Eine Schriftstellerin wartet seit Monaten auf einen Facharzttermin. Im Licht des Wartezimmers zerrinnt ihr die Zeit, die sie eigentlich für ihren überfälligen Text bräuchte. Zwei Fliegen auf der Fensterscheibe rühren sich kaum, die Uhr noch weniger. Und als der Arzt sie nach drei Minuten wieder hinausschickt, bleibt die Frage, die sie mitgebracht hat, ungestellt. Was sie danach auf der Straße tut, hätte sie sich selbst nicht zugetraut.
Pssst … (Gesellschaftskritik)
Nach dem Feierabend und dem allabendlichen Kampf, drei Kinder ins Bett zu bringen, ergattern Wolle und Moni endlich einen Moment für sich allein. Doch der Altbau ächzt in allen Fugen, während sich im Flur etwas regt, das partout nicht still sein will. Eine Ruhrpott-Komödie über das denkbar schlechteste Timing, gekrönt von einem Schreck zur Unzeit.
Pssst … (Komödie)
Eine Frau sitzt ihrer Freundin gegenüber. Diese kam nach dem Tod eines geliebten Menschen und blieb, bis die Frau nicht mehr zerbrach. Dieselbe Freundin zertrümmert mit einem einzigen Satz alles, was die Frau mühsam zusammengehalten hat. Zwischen einem Erdbeermilchfleck und einer Geschichte, die niemand lesen soll, ringt sie um einen Ort, an dem ihr Lachen endlich echt sein darf.
Goldfisch
Eine alte Frau findet jeden Morgen zerbröselte Kekse vor ihrer Haustür. Für sie steht fest, wer dahintersteckt: der Nachbar, mit dem sie seit Jahrzehnten im Streit liegt. Sie stellt ihn zur Rede, er verspricht Besserung, aber am nächsten Tag liegen wieder Krümel auf dem Weg. Bis sie eines Nachmittags etwas entdeckt, das ihre Gewissheit ins Wanken bringt.
Pssst … (älter werden)
In einer Kathedrale wird an einem goldenen Morgen geheiratet. Niemand in der Festgesellschaft ahnt, was hoch oben im Gewölbe auf diesen Tag gewartet hat. Als die Musiker zum Hochzeitslied ansetzen, erhebt sich ein junger Mann aus der hintersten Bank und greift nach einer alten Flöte, die seit Menschengedenken kein Atem geweckt hat. Er kennt das Instrument nicht. Es kennt ihn.
Pssst … (Horror)
Bei einem Festempfang im Ruhrgebiet müssen sechs prominente Gäste mitanhören, wie sich die Festgesellschaft über die Gastgeberstadt das Maul zerreißt. Aus geteilter Empörung wächst am hintersten Stehtisch ein Plan, der die Stadt über Nacht berühmt machen soll und nur einen kleinen Haken hat: Er wiegt dreihundert Kilo. Eine Heist-Komödie über Lokalstolz, Größenwahn und die dümmste Geheimsprache der Kriminalgeschichte.
Pssst … (Heist-Komödie)
Ein Mann steht im Morgengrauen am Spiegel und vollzieht dieselbe Routine wie seit dreißig Jahren, während unten am Fluss die ersten Läufer auftauchen. Er kennt jeden ihrer Fehler, denn dieser Weg gehörte einmal ihm, zwölf Kilometer bei jedem Wetter, lange bevor die Stunde am Wasser zur Stunde vor dem Spiegel wurde. Eine Geschichte über Disziplin, Stolz und das, was von einem Leben bleibt, das sich in Kilometern gemessen hat.