Warum ich es doch selbst mache
Unter “Gut zu wissen” schrieb ich noch vor ein paar Wochen, dass Selfpublishing für mich nicht in Frage käme. Das stimmte, als ich es schrieb. Das Schreiben sollte mein ruhiger Ort bleiben, frei von Marketing, Vertrieb und dem ganzen Lärm drumherum. Vor einer Kamera fühle ich mich bis heute furchtbar, daran hat sich nichts geändert.
Etwas anderes hat sich geändert.
Anfang dieses Jahres bekam meine Nichte eine Diagnose, die sie nicht versteht, ich aber umso mehr. SPG52 —Spastische Paraplegie Typ 52, eine sehr seltene, vererbte Form der hereditären spastischen Paraplegie, also eine fortschreitende neurologische Erkrankung des Gehirns und des Rückenmarks. Seitdem kreisen meine Gedanken, und nachts kreisen sie am schlimmsten. Ela wird bald zwei. Ich schreibe das hin und begreife es kaum, so schnell vergeht die Zeit. Bei dieser Krankheit ist Zeit das, wovon wir am wenigsten haben.
In den Wochen nach der Diagnose habe ich gelernt, wie sich Hoffnung anfühlt, wenn man ihr von einem Kontinent zum nächsten hinterherschreibt. Zuerst Texas, wo an SPG50 geforscht wird, einem anderen Typ derselben Erkrankungsgruppe. Ich wollte alles für Ela versuchen. Die Absage kam schneller, als ich sie ertragen konnte. Ela wird dort nicht aufgenommen.
Dann kam Barcelona. Dort gibt es einen Vater mit einem Kind, das die gleiche Erkrankung hat. Sein Kind ist zehn und wird an der Studie selbst nicht mehr teilnehmen können, denn sie ist für Kinder unter sechs gedacht. Trotzdem trägt er diese Forschung bis heute mit. Für alle Kinder, die nach seinem kommen. An dem Tag, an dem ich das verstanden habe, hörte ich auf zu fragen, ob sich das alles lohnt. Ich wollte nicht daneben stehen und warten, sondern das tun, was ich wirklich kann. Also habe ich angefangen zu schreiben. Aus einer Idee wurde ein Buch und aus dem Buch schnell eine Reihe. Dazwischen entstand eine winterliche Novelle, die ich gerade schreibe und die im Oktober erscheinen wird.
Das Warten auf ein Ja von außen ist schwer zu ertragen. Also veröffentliche ich selbst. Selfpublishing ist genau das, was ich nie wollte, weil ich mich vor dem Stress immer gefürchtet habe. Aber es gibt eine Sache, die ich weniger ertrage als Marketing und Vertrieb, und zwar das Gefühl, nichts zu tun.
Das Schreiben bleibt mein ruhiger Ort. Er hat nur ein Ziel bekommen. FÜR ELA.
Wer Ela kennenlernen möchte, findet ihre Geschichte hier.